Generalvikar Pfeffer: „Wir dürfen die Augen vor der Wahrheit nicht verschließen!“

Generalvikar Klaus Pfeffer spricht im nächsten "Akademie-Akzente"-Heft der Katholsichen Akademie Die Wolfsburg mit Akademiedirektor Michael Schlagheck über die Studie zum sexuellen Missbrauch. Das Heft erscheint zum Jahreswechsel.

Dr. Michael Schlagheck für "Akzente":Ende September 2018 wurde die Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ veröffentlicht. Aus der Kirche gab es kritische Stimmen, dass diese Studie durch Presseberichte vorab bekannt wurde. Man konnte bei den kritischen Anmerkungen zur vorzeitigen Veröffentlichung den Eindruck gewinnen, dass die Kirche sich fast als Opfer der Medien darstellen wollte. Ist dieses Vorabbekanntwerden aber vielleicht symptomatisch? Könnte Kirche diesen Verlust an Kontrolle auch geistlich lesen lernen?
Generalvikar Klaus Pfeffer: Die Vorab-Veröffentlichung erinnert mich an ein Wort Jesu: „Nichts ist verborgen, was nicht bekannt ist. Deshalb wird man alles, was ihr im Dunkeln redet, im Licht hören; und was ihr einander hinter verschlossenen Türen ins Ohr flüstert, das wird man auf den Dächern verkünden“ (Lk 12,2). Der Skandal des Missbrauchs ist auch deshalb so groß, weil es in der Kirche eine ausgeprägte Angst vor Offenheit und Ehrlichkeit gibt. Maßgeblich für die Vertuschung vieler Vergehen und Verbrechen war das Bemühen, das Ansehen der Kirche zu schützen und nichts nach außen dringen zu lassen, was auf furchtbar dunkle Seiten hinweisen könnte. Das war fatal und es ist beschämend, in welcher Weise dadurch das Leid unzähliger Opfer nicht wahrgenommen wurde. Jetzt gilt vor allem eines: Wir dürfen die Augen vor der Wahrheit nicht verschließen! Unsere Kirche war und ist nicht so „heilig“, wie sich das manche einreden und nach außen behaupten. Vieles liegt im Argen und wir müssen sehr genau hinsehen, wo Strukturen und Denkweisen in der Kirche gerade nicht zum Heil dienen, sondern ein Nährboden für Unheil und Leid sein können.

"Akzente":Anthony Fisher, Erzbischof von Sidney sagte: „Meine Kirche hatte kein Mitleid mit den Opfern von Priestern, denn sie wollte keinen Skandal … Der Missbrauch stach uns in die Augen, aber wir wollten ihn nicht sehen“. Was er damit sehr klar zum Ausdruck bringt und auch die Studie zeigt, ist die vollständige Empathielosigkeit mit den Opfern. Man braucht kein psychologisches Fachwissen, um die Katastrophe zu begreifen. Wie ist die Kirche im Verlauf der Zeit mit den Opfern umgegangen und welche Korrekturen sind notwendig?
Klaus Pfeffer: Auch wenn jeder Einzelfall differenziert zu betrachten ist, so habe ich den Eindruck, dass Opfern zunächst einmal oft mit Zweifel begegnet wurde. Es war zu schrecklich, was sie schilderten und es stellte die eigenen Bilder von den zu Tätern gewordenen Priestern völlig auf den Kopf. Hinzu kam dann das Bestreben, jeglichen „Skandal“ zu verhindern. Dadurch gerieten die Opfer in Vergessenheit. Die dramatischen Folgen sexueller Gewalt für das weitere Leben der Betroffenen wurden nicht gesehen. Das darf so nicht mehr geschehen! Opfer brauchen mehr Aufmerksamkeit, mehr Zuhören und auch die notwendige Unterstützung, um mit den Folgen der schrecklichen Erfahrungen einigermaßen leben zu können. Und jeder Hinweis auf sexuelle Grenzverletzungen und Gewalt muss von uns sehr ernst genommen und verfolgt werden.

"Akzente": Die MHG Studie spricht von einer Kirchenraison, mit der man im Zweifelsfall selbst gegen besseres Wissen den Schaden für die Kirche durch die Missbrauchstat als schlimmer erlebt hat als die Missbrauchstat selbst. Dies führte dann zu Vertuschung und unangemessenen Verfahrensweisen. Teilen Sie diese Sicht der Studie auf die eigentliche Wurzel für die Vertuschung und was heißt das für ein zukünftiges Verständnis von Kirche?
Klaus Pfeffer: Ich fürchte, die Studie hält uns in der Tat einen Spiegel vor, in dem wir einen innerkirchlichen Narzissmus und Egoismus wahrnehmen müssen. Es gibt eine Idealisierung unserer Vorstellungen von Kirche, die aus dem Blick verliert, dass weder die Taufe noch die Weihe uns zu besseren Menschen macht. Und gerade im Blick auf meinen eigenen Priesterberuf weiß ich, wie groß die Gefahr ist, sich als etwas „Besonderes“ zu fühlen und religiös abzuheben. Die Verfasser der Studie mahnen nicht ohne Grund an, dass wir über das Verständnis des Weiheamtes und die damit verbundene Problematik von Hierarchie und Macht in der Kirche dringend nachdenken müssen.

"Akzente":In ihren Empfehlungen spricht die Studie von spezifischen Risiko- und Strukturmerkmalen der katholischen Kirche, die den Missbrauch begünstigen oder die Prävention erschweren. Gesehen wird ein Zusammenhang von System, Lebensform, Lehre und Missbrauch? Verantwortliche dürfen doch nun „Systemfragen“ nicht aus dem Weg gehen. Wie müssen diese jetzt bearbeitet werden, damit der Missbrauch nicht in großem Umfang weitergeht, denn die Studie zeigt auf, es gäbe keinen belastbaren Hinweis dafür, dass es sich „um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt“?
Klaus Pfeffer: Nach dieser Studie können wir in der Tat nicht mehr an diesen großen Grundsatzthemen vorbeigehen. Natürlich gibt es keine monokausalen Erklärungen für den sexuellen Missbrauch – aber es kann einfach nicht mehr geleugnet werden, dass etwas in unserem „System“ nicht stimmt. Eine Moral, die nach wie vor dazu neigt, Sexualität zu tabuisieren und als etwas tendenziell „Gefährliches“ zu betrachten; eine Überhöhung der ehelosen Lebensform, ohne deren Schwierigkeit angemessen einzuschätzen; eine „männliche Sonderwelt“, die durch die Weihe bedingt ist und die viel Macht und Privilegien verleiht – all das und vieles andere trägt zu jenem Nährboden bei, der sexuelle Gewalt möglich gemacht hat. Die Studie empfiehlt, in den damit verbundenen Themen weiter zu forschen, aber auch offener in der Kirche zu sprechen. Das wäre schon sehr viel, wenn wir eine Atmosphäre schaffen können, um angstfrei ringen und streiten zu können über die verschiedenen Fragen des priesterlichen Amtes, die zölibatäre Lebensform, die Verteilung von Macht in unserer Kirche und nicht zuletzt auch die gleichrangige Beteiligung von Frauen an allen Aufgaben und Ämtern in der Kirche.

"Akzente":Sie sprachen bereits von der Idealisierung unserer Vorstellungen von der Kirche. Dem Jesuiten Klaus Mertes verdanken wir den Hinweis, man könne auf verschiedene Weisen mit der Differenz von Sein und Schein der Kirche umgehen. „Jämmerlich“ sei es dabei, die Differenzen wahrzunehmen, sie auch zu beklagen und dann keine „Kraft zur Konsequenz“ aufzubringen. Ist die Sorge nicht berechtigt, dass es auf der längeren Strecke an der Kraft zur Veränderung mangeln wird? Was ist notwendig, um dies zu verhindern?
Klaus Pfeffer: Ich teile diese Sorge. Die Konsequenzen, die sich andeuten, sind allerdings nicht unerheblich und stellen manches in Frage, was in der Kirche eine starke Tradition hat und für manch einen von geradezu existentieller Bedeutung ist. Die eben angesprochenen Themen sind regelrechte Minenfelder, die bis vor wenigen Jahren innerkirchlich kaum angesprochen werden durften und auch jetzt noch mit lehramtlichen Tabus behaftet sind. Darum braucht der notwendige Veränderungsprozess viel Geduld – aber zugleich auch eine dringend notwendige Ungeduld, um in den offenen und öffentlichen Diskussionen nicht nachzulassen. Jede öffentliche Debatte wird dabei helfen – und auch der unerbittliche Druck der inner- wie außerkirchlichen Öffentlichkeit, uns als Kirche nicht zu erlauben, einfach alles beim Alten zu belassen.

"Akzente":Viele blicken nun auf Rom oder auch auf gemeinsames Handeln der Deutschen Bischofskonferenz.Ein Bistum kann aber viel tun, ohne auf den weltkirchlichen oder nationalen Konsens zu warten, z.B. in der Ausbildung und Begleitung von Priestern, weil es hier eigener Verantwortlichkeit nachkommen muss?
Klaus Pfeffer: Wir können sehr viel tun – und wir tun das auch bereits, indem wir uns offen all den Themen und Fragen stellen, die die Studie aufgeworfen hat. Im Blick auf die Priester ist uns derzeit wichtig, mit ihnen und unter ihnen das Gespräch anzustoßen. Ausgelöst durch die Studie stehen sie jetzt sehr im Fokus und müssen erleben, dass viel über sie geredet wird und ihr Beruf derzeit geradezu am Pranger steht. Mir wäre auch wichtig zu wissen, wie die Priester selbst über ihren Beruf, ihre Lebensform und all die anderen Themen denken – und was aus ihrer Perspektive verändert werden muss. In der Priesterausbildung sind bereits nach den ersten Erkenntnissen über das Ausmaß des Missbrauchs-Skandals erste Konsequenzen gezogen werden. Und nicht zuletzt verstehe ich unseren gesamten Zukunftsbild-Prozess auch als einen Beitrag zur Veränderung unserer Kirche: Dabei geht es ja auch um einen grundsätzlichen Haltungswechsel für unser kirchliches Leben.

Am Dienstag, 6. November, diskutiert Bischof Overbeck in der "Wolfsburg" zur Missbrauchsstudie außerdem stellen zwei Mitglieder des Forschungskonsortiums der sogenannten MHG-Studie die Ergebnisse der Studie vor und diskutieren mit dem Ruhrbischof und der Präventionsbeauftragten im Bistum Essen. Der Eintritt ist frei. Mehr dazu >>>

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